Knie · Arthrose · Patientenratgeber
Stammzell-Injektionen bei Arthrose
Was belegt ist und was nicht
Dr. Philippe Ghobrial
Facharzt für Orthopädie und Traumatologie · 2. November 2026 · Lesezeit: ca. 6 Min.
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Viele Patientinnen und Patienten mit Arthrose fragen mich nach einer Stammzell-Injektion. Die Hoffnung dahinter verstehe ich gut. Man möchte das eigene Gelenk erhalten und eine Operation hinausschieben. In diesem Beitrag erkläre ich, was bei dieser Behandlung tatsächlich ins Gelenk kommt. Ich zeige auch, was Studien dazu sagen und was offen ist.
Was gespritzt wird
Der Begriff „Stammzelltherapie“ ist missverständlich. In der Praxis werden meist keine im Labor gezüchteten Stammzellen verwendet. Gespritzt wird ein Konzentrat aus körpereigenem Gewebe. Es stammt meist aus dem Knochenmark oder aus dem Fettgewebe. Dieses Konzentrat ist ein Gemisch verschiedener Zellen. Stammzellen sind nur ein Teil davon (de Girolamo et al. 2025).
Knochenmark wird am Beckenkamm entnommen. Das ist der obere Rand des Beckenknochens, den man seitlich an der Hüfte tasten kann. Fettgewebe wird durch eine kleine Absaugung gewonnen. Das Material wird danach meist in einer Zentrifuge aufbereitet. Dabei werden die Zellen angereichert. Anschließend wird das Konzentrat ins Gelenk gespritzt.
Der Unterschied zu PRP und Hyaluron
PRP steht für „platelet-rich plasma“, auf Deutsch plättchenreiches Plasma. Dafür wird eigenes Blut so aufbereitet, dass die Blutplättchen angereichert sind. Hyaluron ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkflüssigkeit. Es wird als fertiges Präparat ins Gelenk gespritzt. Wird Ihnen ein Zellkonzentrat aus Blut angeboten, fragen Sie nach, worin es sich vom PRP unterscheidet. Beide Verfahren beschreibe ich auf eigenen Seiten zur Plasmatherapie und zur Hyaluron-Injektion.
Was die Studien zeigen
Eine große Studie aus dem Jahr 2023 hat 480 Patienten mit Kniearthrose untersucht (Mautner et al. 2023). Die Studie war randomisiert. Das heißt, der Zufall hat entschieden, wer welche Behandlung erhält. Verglichen wurden drei Zellbehandlungen mit einer Kortisonspritze. Die Zellen stammten aus dem Knochenmark, aus dem Fettgewebe oder aus der Nabelschnur.
Nach zwölf Monaten war keine der Zellbehandlungen besser als die Kortisonspritze. In allen Gruppen hatten sich die Beschwerden gebessert. In der Magnetresonanztomographie (MRT), einer Schichtbildaufnahme des Gelenks, zeigte sich keine Veränderung. Schwere Nebenwirkungen durch die Behandlung traten nicht auf.
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 hat 18 randomisierte Studien mit zusammen 1.174 Teilnehmern ausgewertet (Tian et al. 2024). Eine Metaanalyse wertet mehrere Studien gemeinsam aus. Verglichen wurden Zellinjektionen mit Kontrollbehandlungen. Das waren Scheinbehandlungen, aber auch andere Spritzen wie Hyaluron oder Kortison. Nach 6 und nach 12 Monaten hatten die Patienten mit Zellinjektion weniger Schmerzen. Die Ergebnisse der einzelnen Studien streuten aber stark. Die Qualität der Studien war gering. Verwendet wurden Zellen aus dem Knochenmark, dem Fettgewebe oder der Nabelschnur. Ob sich die Ergebnisse auf die Konzentrate übertragen lassen, die in der Praxis meist verwendet werden, ist offen.
Knorpelaufbau ist nicht belegt
Häufig liest man, Stammzellen ließen den Knorpel nachwachsen. Beim Menschen ist das bisher nicht belegt (de Girolamo et al. 2025; Mautner et al. 2023). Die Studien zeigen Veränderungen beim Schmerz. Einen Aufbau von Knorpel zeigen sie nicht.
Wie lange eine Besserung anhält
Eine Übersichtsarbeit zu körpereigenen Injektionen beschreibt Besserungen nach 3 bis 6 Monaten. Sie halten bis etwa 12 Monate an (Budhiparama et al. 2024). Für Zellkonzentrate nennt auch die ESSKA einen Nutzen bis etwa 12 Monate (de Girolamo et al. 2025). Hochwertige Studien dazu fehlen laut den Autoren noch.
Was Fachgesellschaften empfehlen
Die ESSKA ist die Europäische Gesellschaft für Sporttraumatologie, Kniechirurgie und Arthroskopie. Eine Expertengruppe dieser Gesellschaft hat 2025 abgestimmte Empfehlungen zu zellbasierten Injektionen am Knie veröffentlicht (de Girolamo et al. 2025). Danach kommt eine solche Behandlung als zweite Wahl in Frage. Vorher sollten Hyaluron oder PRP versucht werden. Geeignet sind vor allem Patienten mit leichter bis mittlerer Arthrose. Bei fortgeschrittener Arthrose kann die Wirkung schwächer ausfallen und kürzer anhalten. Die meisten Empfehlungen stützen sich auf eine schwache Beweislage.
Andere Leitlinien sind zurückhaltender. Eine australische Leitlinie empfiehlt Stammzell-Injektionen nicht. Andere Leitlinien geben keine klare Empfehlung (Vaishya 2021).
Für wen eine Injektion in Frage kommen kann
Aus dieser Datenlage ergibt sich ein enger Rahmen. Ich bespreche eine zellbasierte Injektion, wenn mehrere Punkte zutreffen.
- Leichte bis mittlere Arthrose: Das Röntgenbild zeigt noch keinen weit fortgeschrittenen Verschleiß.
- Andere Möglichkeiten versucht: Physiotherapie und Injektionen mit Hyaluron oder PRP haben nicht ausreichend geholfen.
- Realistische Erwartung: Sie wissen, dass es um Ihre Beschwerden geht und nicht um neuen Knorpel.
- Keine Gegenanzeige: Es liegt keiner der unten genannten Gründe gegen die Behandlung vor.
Bei weit fortgeschrittener Arthrose kann die Wirkung schwächer ausfallen und kürzer anhalten. Dann sprechen wir meist über andere Wege. Das kann auch eine Operation sein. Einen Überblick über die Möglichkeiten finden Sie auf meiner Seite zur Kniearthrose.
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Meist treten vorübergehende Schmerzen und eine Schwellung im Gelenk auf (Mautner et al. 2023; Budhiparama et al. 2024). Bei einer Entnahme aus dem Knochenmark kommt eine zweite Einstichstelle am Beckenkamm dazu. Dort können Schmerzen und ein Bluterguss auftreten (Mautner et al. 2023). In der großen Vergleichsstudie von 2023 gab es keine schweren behandlungsbedingten Nebenwirkungen (Mautner et al. 2023).
Die Expertengruppe der ESSKA nennt folgende Gegenanzeigen (de Girolamo et al. 2025):
- Infektion: Es gelten die üblichen Gegenanzeigen jeder Gelenkspritze. Bei einer bestehenden Infektion wird nicht gespritzt.
- Schwangerschaft: Für Schwangere gibt es keine Daten. Daher wird in der Schwangerschaft nicht behandelt.
- Tumorerkrankungen und Erkrankungen des ganzen Körpers: Hier ist besondere Vorsicht geboten. Diese Empfehlung beruht auf einer schwachen Beweislage.
Wie die Behandlung abläuft
Ich biete zellbasierte Injektionen an, wenn die Voraussetzungen oben zutreffen. Am Anfang steht eine gründliche Untersuchung. Dazu gehört ein aktuelles Röntgenbild des Gelenks. Damit lässt sich einschätzen, wie weit die Arthrose fortgeschritten ist. Danach besprechen wir, welches Verfahren in Frage kommt und welche Alternativen es gibt.
Am Behandlungstag wird zuerst das Ausgangsmaterial gewonnen. Bei Knochenmark ist das eine Punktion am Beckenkamm unter örtlicher Betäubung oder einer kurzen Sedierung. Das Material wird aufbereitet. Anschließend wird das Konzentrat unter sterilen Bedingungen ins Gelenk gespritzt. Wie Sie sich in den Tagen danach verhalten sollen, bespreche ich vorher mit Ihnen. Mehr zum Vorgehen finden Sie auf der Seite zur Stammzelltherapie.
Kosten
Die Krankenkasse übernimmt zellbasierte Injektionen nicht. Wird die Behandlung im Rahmen einer Arthroskopie durchgeführt, übernehmen viele Privatversicherungen die Kosten, je nach Vertrag. Eine alleinige Injektion ist in der Regel selbst zu bezahlen. Bitte klären Sie die Kostenübernahme vor der Behandlung mit Ihrer Versicherung. Einen schriftlichen Kostenvoranschlag erhalten Sie vorab.
Meine Einschätzung
Ich sehe zellbasierte Injektionen als eine Möglichkeit mit offener Datenlage. Sie können für einzelne Patienten in Frage kommen. Wer sie in Betracht zieht, sollte die Grenzen kennen, die ich oben beschrieben habe. Diese Information gehört für mich in jedes Aufklärungsgespräch.
Wie Arthrose entsteht und verläuft, erkläre ich im Beitrag Arthrose verstehen. Ob in Ihrer Situation eine Injektion, eine andere Behandlung oder eine Operation sinnvoll ist, klären wir in einem persönlichen Gespräch in 1040 oder 1020 Wien.
Häufige Fragen
Werden bei einer Stammzell-Injektion echte Stammzellen gespritzt?
Meist nicht im engeren Sinn. In der Praxis wird in der Regel ein Konzentrat verwendet, meist aus dem Knochenmark oder aus dem Fettgewebe. Es enthält ein Gemisch verschiedener Zellen. Im Labor gezüchtete Stammzellen kommen in der Praxis meist nicht zum Einsatz (de Girolamo et al. 2025).
Wächst durch die Injektion der Knorpel nach?
Das ist beim Menschen nicht belegt. In einer großen Studie mit 480 Patienten zeigte die Magnetresonanztomographie nach der Behandlung keine Veränderung (Mautner et al. 2023). Auch die Empfehlungen der ESSKA, der Europäischen Gesellschaft für Sporttraumatologie, Kniechirurgie und Arthroskopie, sehen einen Knorpelaufbau als nicht belegt an (de Girolamo et al. 2025).
Ist eine Stammzell-Injektion besser als eine Kortisonspritze?
In einer großen randomisierten Studie war nach zwölf Monaten keine der untersuchten Zellbehandlungen besser als eine Kortisonspritze. In allen Gruppen hatten sich die Beschwerden gebessert (Mautner et al. 2023).
Für wen kommt die Behandlung in Frage?
Laut ESSKA vor allem für Patienten mit leichter bis mittlerer Kniearthrose, und zwar als zweite Wahl, wenn Hyaluron oder PRP (plättchenreiches Plasma) nicht ausreichend geholfen haben. Bei fortgeschrittener Arthrose kann die Wirkung schwächer ausfallen und kürzer anhalten (de Girolamo et al. 2025). Ob das auf Sie zutrifft, klären wir in einem Erstgespräch.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Meist treten vorübergehende Schmerzen und eine Schwellung im Gelenk auf (Mautner et al. 2023; Budhiparama et al. 2024). Bei einer Entnahme aus dem Knochenmark kommt eine Einstichstelle am Beckenkamm dazu. Dort können Schmerzen und ein Bluterguss auftreten (Mautner et al. 2023). Bei einer Infektion und in der Schwangerschaft wird nicht behandelt.
Übernimmt die Versicherung die Kosten?
Die Krankenkasse übernimmt zellbasierte Injektionen nicht. Wird die Behandlung im Rahmen einer Arthroskopie durchgeführt, übernehmen viele Privatversicherungen die Kosten, je nach Vertrag. Eine alleinige Injektion ist in der Regel selbst zu bezahlen. Bitte klären Sie die Kostenübernahme vor der Behandlung mit Ihrer Versicherung. Einen schriftlichen Kostenvoranschlag erhalten Sie vorab.
Quellen
- de Girolamo L, Filardo G, Abat F et al. The use of injectable orthobiologics for knee osteoarthritis: A formal ESSKA-ORBIT consensus. Part 2 – Cell-based therapy. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2025;33(11):4079-4095.
- Mautner K, Gottschalk M, Boden SD et al. Cell-based versus corticosteroid injections for knee pain in osteoarthritis: a randomized phase 3 trial. Nat Med 2023;29(12):3120-3126.
- Tian X, Qu Z, Cao Y, Zhang B. Relative efficacy and safety of mesenchymal stem cells for osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Front Endocrinol (Lausanne) 2024;15:1366297.
- Budhiparama NC, Putramega D, Lumban-Gaol I. Orthobiologics in knee osteoarthritis, dream or reality? Arch Orthop Trauma Surg 2024;144(9):3937-3946.
- Vaishya R, Kumar SS, Vaish A, Suresh Babu YS. Effectiveness of the guidelines for the non-operative management of knee osteoarthritis. Arch Bone Jt Surg 2021;9(4):472-474.
Ihr nächster Schritt
Welche Behandlung zu Ihrem Gelenk passt
Im Erstgespräch in 1040 oder 1020 Wien klären wir, ob eine Injektion, eine andere Behandlung oder eine Operation für Sie sinnvoll ist. Bitte bringen Sie vorhandene Röntgenbilder und Befunde mit.