Knie · Meniskus · Patientenratgeber

Meniskusriss: Wann operieren, wann nicht
Und warum beim Unfallriss die Zeit zählt

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Dr. Philippe Ghobrial

Facharzt für Orthopädie und Traumatologie · 2. November 2026 · Lesezeit: ca. 6 Min.

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Viele Patienten kommen mit einem Befund in meine Ordination, auf dem „Meniskusriss“ steht. Meist stammt er aus einer Magnetresonanztomographie (MRT). Die erste Frage lautet dann fast immer, ob operiert werden muss. Die ehrliche Antwort hängt vor allem davon ab, wie der Riss entstanden ist.

Der Meniskus ist eine halbmondförmige Scheibe aus Faserknorpel zwischen Oberschenkel und Schienbein. Jedes Knie hat zwei davon, einen an der Innenseite und einen an der Außenseite. Ist noch unklar, woher Ihre Beschwerden kommen, finden Sie einen Überblick auf der Seite zu Knieschmerzen.

Zwei Arten von Rissen

Für die Entscheidung unterscheide ich zwei Formen. Die Studienlage ist für beide sehr verschieden.

  • Degenerativer Riss: Er entsteht ohne Unfall, durch Abnützung des Gewebes. Betroffen sind meist Menschen ab etwa 35 Jahren (Beaufils, Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2017).
  • Traumatischer Riss: Er entsteht durch eine Verletzung, zum Beispiel wenn sich das Knie beim Sport unter Belastung verdreht.

Degenerativer Riss: zuerst ohne Operation

Zum verschleißbedingten Riss gibt es mehrere große Vergleichsstudien. Ihre Ergebnisse zeigen in dieselbe Richtung.

  • Eine Teilentfernung des Meniskus war nach 12 Monaten nicht besser als eine Scheinoperation (Sihvonen, N Engl J Med 2013).
  • Eine Studie untersuchte Patienten ab 45 Jahren mit Riss und leichter bis mäßiger Arthrose, also Gelenkverschleiß. Die Operation war nach 6 Monaten nicht besser als Physiotherapie. Etwa 30 Prozent der Physiotherapie-Gruppe wurden innerhalb dieser 6 Monate doch operiert (Katz, N Engl J Med 2013).
  • Auch nach 5 Jahren schnitt Physiotherapie nicht schlechter ab als die Teilentfernung (Noorduyn, JAMA Netw Open 2022).

Ein europäischer Expertenkonsens zieht daraus eine klare Folgerung. Beim degenerativen Riss ist die Teilentfernung nicht die erste Behandlung. Sie kommt erst nach Abklärung und nach einer erfolglosen konservativen Therapie in Frage. Konservativ heißt ohne Operation, also vor allem gezielte Physiotherapie. Ein Röntgen ist sinnvoll. Ein MRT ist am Anfang meist nicht nötig (Beaufils, Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2017).

Beim degenerativen Riss ist ein Befund im MRT allein kein Grund für eine Operation. Ich prüfe, ob der Riss Ihre Beschwerden überhaupt erklärt.

Offen ist die Frage nach dem blockierten Knie. Manche Patienten können das Knie plötzlich nicht mehr ganz strecken, weil ein Stück Meniskus eingeklemmt ist. Ein europäischer Expertenkonsens hält eine echte Blockade für einen möglichen Grund, früher zu operieren (Beaufils, Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2017). Randomisierte Studien, also Studien mit zufälliger Zuteilung zur Behandlung, gibt es dazu nicht. Die Fachwelt ist sich hier nicht einig. Ich entscheide das im Einzelfall und bespreche es offen mit Ihnen.

Unfallriss: den Meniskus erhalten, wenn es geht

Beim Riss nach einer Verletzung ist die Lage anders. Hier ist der Erhalt des Meniskus die erste Wahl. Wenn möglich, wird der Riss genäht, und zwar möglichst früh (Kopf, Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2020). Die Studien dazu sind überwiegend von niedriger Qualität.

Naht und Teilentfernung im Vergleich

Beide Eingriffe führe ich selbst durch. Ich operiere arthroskopisch, also mit einer Kniearthroskopie über kleine Hautschnitte.

  • Meniskusnaht: Der Riss wird mit Fäden fixiert, der Meniskus bleibt erhalten. Bei akuten Rissen wurden nach einer Naht seltener fortgeschrittene Arthrosen und Knieprothesen beobachtet als nach einer Teilentfernung. Die Beobachtungszeit lag im Mittel bei etwa 4 Jahren (Migliorini, Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2023). Der Nachteil: Eine Naht heilt nicht immer. Langfristig war nach einer Naht bei 20,7 Prozent eine erneute Operation nötig (Paxton, Arthroscopy 2011).
  • Teilentfernung: Der gerissene Anteil wird sparsam entfernt. Eine erneute Operation war in derselben Auswertung nur bei 3,9 Prozent nötig (Paxton, Arthroscopy 2011). Dafür fehlt dem Knie danach ein Teil des Meniskus.

Die längerfristigen Ergebnisse waren nach einer Naht in einigen wenigen Studien besser (Paxton, Arthroscopy 2011). Ob eine Naht möglich ist, hängt von Form und Lage des Risses ab. Endgültig zeigt sich das oft erst während der Arthroskopie. Deshalb bespreche ich vorher beide Möglichkeiten mit Ihnen.

Beim Unfallriss zählt die Zeit

Nähte, die innerhalb von 3 Wochen oder innerhalb von 8 Wochen nach der Verletzung gemacht wurden, versagten in einer Auswertung seltener als spätere. Die Autoren empfehlen, möglichst innerhalb von 8 Wochen zu nähen (van der List, Am J Sports Med 2025). Die Datenqualität ist niedrig. Das Ergebnis passt aber zur Empfehlung, möglichst früh zu nähen.

Mein Rat deshalb: Lassen Sie ein Knie nach einem Unfall mit Verdrehung zeitnah untersuchen. Das gilt auch, wenn die Schmerzen nach einigen Tagen nachlassen.

Ist zusätzlich das Kreuzband verletzt, organisiere ich die Behandlung bei spezialisierten Kollegen.

Wie lange der Weg zur Operation dauert

Im öffentlichen System schwankt die Wartezeit auf eine Kniearthroskopie stark. Sie hängt vom Spital ab. Veröffentlichte Zahlen speziell für diesen Eingriff liegen mir nicht vor.

Beim degenerativen Riss steht ohnehin zuerst die konservative Therapie. Eine Wartezeit ist hier weniger kritisch. Beim Unfallriss mit möglicher Naht ist das anders. Dauern Abklärung und Operationstermin zusammen länger als etwa 8 Wochen, kann der günstige Zeitraum für eine Naht vorbei sein.

Ich bin Wahlarzt ohne Kassenvertrag. Ich operiere als Belegarzt in vier Wiener Privatkliniken. Mit einer Sonderklasse-Zusatzversicherung oder als Selbstzahler kann ich nach der Abklärung einen Termin in einer dieser Kliniken planen. Wie rasch das geht, hängt von Klinik und Befund ab. Eine Zusage zum Termin kann ich vor dem Erstgespräch nicht geben. Die Kosten übernimmt die Versicherung je nach Vertrag. Mit den meisten Versicherungen ist eine Direktverrechnung möglich. Mehr dazu lesen Sie unter Kosten und Sonderklasse.

Rückkehr zur Arbeit

Eine aktuelle Auswertung fand: Über 90 Prozent der Patienten kehrten nach einer Teilentfernung oder einer Naht an ihren Arbeitsplatz zurück. Nach einer Teilentfernung lag der Median bei 33 Tagen. Der Median ist der mittlere Wert. Die Hälfte war früher zurück, die andere Hälfte später. Für die Naht nennt die Studie keinen solchen Wert (Nishioka, Am J Sports Med 2026). Die Daten stammen überwiegend aus den USA.

Wie lange Sie nach einer Naht Krücken oder eine Schiene brauchen, ist individuell. Es hängt von der Rissform und der Art der Naht ab. Ihren voraussichtlichen Krankenstand besprechen wir vor der Operation, abgestimmt auf Ihren Beruf.

Risiken in Zahlen

Eine Arthroskopie erfolgt über kleine Hautschnitte. Ohne Risiko ist sie nicht. Die folgenden Zahlen stammen aus großen Auswertungen von Kniearthroskopien.

  • Lungenembolie: Das ist ein Blutgerinnsel in den Lungengefäßen. In England wurden 699.965 Teilentfernungen ausgewertet. Innerhalb von 90 Tagen trat bei 0,078 Prozent eine Lungenembolie auf. Das sind etwa 8 von 10.000 Eingriffen (Abram, Lancet 2018).
  • Infektion: In derselben Auswertung hatten 0,135 Prozent eine Infektion, die operiert werden musste. Das sind etwa 14 von 10.000 Eingriffen (Abram, Lancet 2018).
  • Komplikationen insgesamt: In Schweden wurden Kniearthroskopien aller Art ausgewertet. Knapp die Hälfte davon waren Teilentfernungen. Innerhalb von 30 Tagen kam es bei 1,1 Prozent zu mindestens einer Komplikation. Das ist etwa 1 von 90 Eingriffen (Friberger Pajalic, BMC Musculoskelet Disord 2018).

Für die Naht liegen mir vergleichbar große Auswertungen nicht vor. Hier ist vor allem die höhere Rate an erneuten Operationen zu bedenken.

Was ich im Erstgespräch kläre

Ich untersuche Ihr Knie und sehe mir vorhandene Bilder an. Danach können wir einschätzen, welche Art von Riss vorliegt und welche Behandlung ich Ihnen empfehle. Haben Sie bereits eine Empfehlung zur Operation erhalten, ist auch eine Zweitmeinung möglich. Wie der Eingriff selbst abläuft, lesen Sie im Beitrag Kniearthroskopie: Was passiert bei der Operation?

Häufige Fragen

Muss ein Meniskusriss immer operiert werden?

Nein. Beim degenerativen Riss ohne Unfall ist Physiotherapie die erste Behandlung. In Studien war die Teilentfernung hier nicht besser als Physiotherapie oder eine Scheinoperation (Sihvonen 2013, Katz 2013, Noorduyn 2022). Ein europäischer Expertenkonsens empfiehlt die Teilentfernung erst nach erfolgloser konservativer Therapie (Beaufils 2017). Beim Unfallriss ist die Naht die erste Wahl, wenn sie möglich ist (Kopf 2020).

Wie schnell sollte ein Unfallriss genäht werden?

Möglichst früh. In einer Auswertung versagten Nähte seltener, wenn innerhalb von 8 Wochen nach der Verletzung operiert wurde. Die Datenqualität ist niedrig (van der List 2025). Lassen Sie das Knie nach einem Unfall deshalb zeitnah untersuchen.

Ist die Meniskusnaht besser als die Teilentfernung?

Das hängt vom Riss ab. Nach einer Naht ist häufiger eine erneute Operation nötig, langfristig 20,7 Prozent gegenüber 3,9 Prozent nach Teilentfernung (Paxton 2011). Dafür bleibt der Meniskus erhalten. Bei akuten Rissen wurden nach der Naht seltener fortgeschrittene Arthrosen und Knieprothesen beobachtet (Migliorini 2023).

Wann kann ich nach einer Meniskusoperation wieder arbeiten?

In Studien kehrten über 90 Prozent nach Teilentfernung oder Naht an den Arbeitsplatz zurück. Nach einer Teilentfernung lag der Median bei 33 Tagen. Für die Naht nennt die Studie keinen solchen Wert (Nishioka 2026). Ihren Krankenstand besprechen wir vor der Operation, abgestimmt auf Ihren Beruf.

Brauche ich sofort ein MRT?

Beim degenerativen Riss meist nicht. Ein Röntgen ist sinnvoll, ein MRT ist am Anfang meist nicht nötig (Beaufils 2017). Nach einem Unfall entscheide ich nach der Untersuchung, ob rasch ein MRT gemacht werden soll.

Operieren Sie auch Kreuzbandrisse?

Nein. Meniskusnaht und Teilentfernung führe ich selbst durch. Ist das Kreuzband verletzt, organisiere ich die Behandlung bei spezialisierten Kollegen.

Quellen

  • Sihvonen R et al. Arthroscopic partial meniscectomy versus sham surgery for a degenerative meniscal tear. N Engl J Med 2013;369(26):2515-24.
  • Katz JN et al. Surgery versus physical therapy for a meniscal tear and osteoarthritis. N Engl J Med 2013;368(18):1675-84.
  • Noorduyn JCA, van de Graaf VA et al. Effect of physical therapy vs arthroscopic partial meniscectomy in people with degenerative meniscal tears: five-year follow-up of the ESCAPE randomized clinical trial. JAMA Netw Open 2022;5(7):e2220394.
  • Beaufils P et al. Surgical management of degenerative meniscus lesions: the 2016 ESSKA meniscus consensus. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2017;25(2):335-46.
  • Kopf S et al. Management of traumatic meniscus tears: the 2019 ESSKA meniscus consensus. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2020;28(4):1177-94.
  • Paxton ES, Stock MV, Brophy RH. Meniscal repair versus partial meniscectomy: a systematic review comparing reoperation rates and clinical outcomes. Arthroscopy 2011;27(9):1275-88.
  • Migliorini F et al. Meniscectomy is associated with a higher rate of osteoarthritis compared to meniscal repair following acute tears: a meta-analysis. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2023;31(12):5485-95.
  • van der List JP et al. Early meniscal repair leads to higher success rates than delayed meniscal repair: a systematic review and meta-analysis. Am J Sports Med 2025;53(11):2761-70.
  • Nishioka T et al. Return to work outcomes after common sports-related orthopaedic procedures: a systematic review stratified by occupational intensity and workers' compensation status. Am J Sports Med 2026 (online vor Druck).
  • Abram SGF, Judge A, Beard DJ, Price AJ. Adverse outcomes after arthroscopic partial meniscectomy: a study of 700 000 procedures in the national Hospital Episode Statistics database for England. Lancet 2018;392(10160):2194-202.
  • Friberger Pajalic K, Turkiewicz A, Englund M. Update on the risks of complications after knee arthroscopy. BMC Musculoskelet Disord 2018;19:179.

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Klären, ob Ihr Knie eine Operation braucht

Im Erstgespräch in meiner Ordination in 1040 oder 1020 Wien untersuche ich Ihr Knie und sehe mir vorhandene Befunde an. Danach besprechen wir, ob eine Behandlung ohne Operation ausreicht oder ob ein Eingriff sinnvoll ist.

Medizinisch geprüft: Dr. Philippe Ghobrial, Facharzt für Orthopädie & Traumatologie · Zuletzt aktualisiert: 2. November 2026